Erfahrungsberichte

Erfahrungsberichte

Tagebuch einer absoluten Beginnerin:

sport_tuebingen

22.September 2016
„Mach Dir keine Sorgen: Am Anfang habe ich auch nichts gekonnt – wirklich gar nichts davon.“ Für diesen kleinen Trost sende ich der Anna einen dankbaren Blick, während ich nach Atem ringe und mich festhalte, um nicht wie ein gefällter Baum auf die Matratze zu kippen. Anna selbst schwebt kurz darauf in der Luft und verknotet sich hochkonzentriert in das Tuch, welches sie trägt.
„Vertikaltuch“ nennt sich diese Sportart. Vor drei Wochen wusste ich noch gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Doch dann kam eine Freundin auf die Idee, mich in den Zirkus zu schleppen – und als dort Artistinnen an Tüchern fliegend allerlei Kunststücke vollführten, saß ich wie auf glühenden Kohlen: „Oh mein Gott, ich will das auch!“, schrie ich meiner Freundin mit der Musik um die Wette ins Ohr. „Das kann man in Tübingen lernen“, schrie sie zurück, „bei der Himmelstänzerin.“
Und so kam es, dass ich jetzt im Dojo stehe, einer kleinen Tübinger Trainingshalle, in welcher elastische aber stabile lange Tücher von der Decke herabhängen: Wie bunte Wasserfälle fallen sie in Blau, Schwarz, Pink, Grau und Rot von oben in den Raum. Sie sind jeweils an einem Karabiner in der Mitte befestigt, sodass sie sich entweder als ganzes Tuch greifen lassen, oder je eine Hälfte einzeln. An einem von ihnen trainiert Anna, an einem anderen kralle ich mich fest, um nicht umzufallen. Wenn ich eines gelernt habe, dann das: Beim Zuschauen sieht das leichter aus, als es ist. Anna sitzt völlig entspannt in ihren Knoten, Pilar schwebt die Tücher hoch, als wäre sie leicht wie eine Feder, und die Himmelstänzerin selbst nimmt sich sehr viel Zeit für die Neulinge, die keine Ahnung haben von alldem – im Moment wäre das dann ich.  
Das kann man sich dann ungefähr so vorstellen: Bewundernd schiele ich immer wieder zu Pilar und Anna, die da oben irgendwelche anmutigen Dinge abziehen, während ich selbst die Basics übe und dabei versuche, nicht zu brüllen vor Schmerz.
Die Technik zum Hochklettern ist noch machbar: Ein Fuß schmiegt sich mit der Außenseite an das Tuch und man zieht sich mit den Armen nach oben, während der andere Fuß unter dem ersten hindurchschlüpft und dabei das Tuch mitnimmt, sodass der erste Fuß mit dem Tuch umwickelt wird. Stabilisiert wird das ganze dadurch, dass der zweite Fuß sich auf den ersten stellt. An dieser Stelle angekommen greift man noch höher, wiederholt die Umwicklungsprozedur – und Schritt für Schritt geht es der Sonne entgegen. Das funktioniert erstaunlich gut und ich bin total happy, als ich mich einen Meter hochgehievt habe.
Und was jetzt? Dort angekommen muss ich feststellen, dass ich nicht mehr weiß, wie man den Stabilisierungsknoten für die Füße macht. Irgendwie muss man die Hochkletter-Umwicklung völlig lösen und den Fuß aus der anderen Richtung um das Tuch wickeln – und der muss das ganz ohne die Hilfe der Hände hinbekommen, denn diese sorgen währenddessen dafür, dass ich einen Meter über dem Boden bleibe. Dummerweise wissen meine Füße jedoch nicht mehr so genau, wie man das macht… während sie noch herumprobieren, melden bereits meine Hände, dass sie keine Lust mehr haben, meinen Hintern oben zu halten während die Füße untereinander ausdiskutieren, wer was macht. Also rutsche ich im Endeffekt relativ ungraziös nach unten und es gibt eine nette kleine Talfahrt am Tuch entlang  – jedem wärmstens zu empfehlen, der die Macht der Reibungsenergie mal am eigenen Leib erfahren will.
Wie gut, dass das nur ein Meter war: Hätte ich von der Höhe aus gestartet, in der Pilar sich befindet, bräuchten meine Hände jetzt vermutlich einen Feuerlöscher… so jedoch reicht ihnen ein kräftiges Schütteln aus, bevor es Nachhilfeunterricht für die Füße gibt: Ich setze mich an den Rand der großen weichen Matratze und übe hier in aller Ruhe das Fuß-Wickeln, das Tuch ist lang genug dafür. Danach kommt der zweite Versuch. Diesmal klappt es: Gut mit den Händen zupacken, die
Füße lösen, dann einen Fuß von außen um das Tuch führen, mit dem anderen in die Tuchsequenz zwischen Fuß und Händen einhaken und die dadurch entstandene Schlaufe nochmals um den Standfuß schlingen – geschafft! Jetzt kann ich mich aufrichten und bequem auf einem Fuß stehen – zumindest finden meine Hände das bequem. Mein Standfuß ist da ganz anderer Meinung… ich konzentriere mich einfach auf den anderen Fuß. Der schwebt frei in der Luft und man könnte ihn jetzt schön anmutig in irgendeinem Winkel von sich strecken, wenn man Lust dazu hätte – und gedehnt genug wäre für so eine Aktion.
Das bin ich leider nicht, also überspringe ich diesen Teil und gehe zum nächsten Punkt über: Der freie Fuß klemmt das Tuch auf Kniehöhe am Standbein fest und ich verlagere mein Gewicht, sodass ich immer mehr in die Waagrechte komme. Wie ein Sicherheitsgurt hält mich das Tuch dabei auf der Innenseite des Oberschenkels, welcher immer und immer mehr von meinem Gewicht zu spüren bekommt… „Das ist sowas von megahammercool“, freut sich mein Gehirn, während meine Oberschenkelinnenseite „aufhööören!!!!!“ kreischt und mein Standfuß langsam ganz gern mal wieder etwas Blut hätte…  „Nicht so schnell!“, mahnt die Himmelstänzerin: Für sie hat die Sicherheit ihrer Schützlinge oberste Priorität. Sie sorgt dafür, dass das Tuch sich immer dort befindet, wo es mich so blockiert, sodass ich nicht herausfallen kann. Das macht Sinn – ob das den entsprechenden Körperregionen nun gefällt oder nicht. Sorry, Oberschenkelinnenseite.
Es gibt hier einen Grundsatz: „Wenn's weh tut: Lächeln. Wenn's noch mehr weh tut: Noch mehr lächeln.“ Ich setze ein sehr breites Lächeln auf, lasse mit den Händen los und strecke mich eine Sekunde lang horizontal aus, um mein Gehirn zufriedenzustellen. Danach entlaste ich meinen inneren Oberschenkel, steige mit dem freien Fuß herab und befreie meinen Standfuß aus dem Knoten. Und danach gleich nochmal: Schließlich will auch der andere Fuß wissen, wie man das macht. Außerdem wäre es doch asymmetrisch, nur eine Oberschenkelinnenseite mit blauen Flecken zu verzieren.
Falls jedoch die Hände nun meinen sollten, sie hätten Feierabend, haben sie sich geirrt: Für sie fängt die Arbeit erst richtig an, als es darum geht, kopfüber zu trainieren. Zur Sicherheit werden die Handgelenke hierfür in einen Halteknoten verpackt: Man greift mit der Hand von außen um das Tuch, führt sie um das Tuch herum und wiederholt diese Greifbewegung, sodass das Tuch die Hand zweimal umwickelt. Dann nimmt man das Tuchende, das nach unten hin abfällt und legt es nochmals um die umwickelte Hand. Das funktioniert sowohl mit einer Hand und dem ganzen Tuch, als auch mit beiden Händen und jeweils einer Tuchhälfte. So kann man nicht herunterfallen – und die Hände haben nun die Wahl: Entweder sie schaffen es, das Körpergewicht zu halten, oder ihnen wird das Blut abgeschnitten.
Im Geiste mache ich jetzt eine beeindruckende Aufwärtsbewegung und hebe meine Füße schön langsam über den Kopf… da meine Bauchmuskeln jedoch Einspruch erheben, muss ich die Beine wohl oder übel mit Schwung vom Boden reißen. Schnell einhaken, damit der Allerwerteste auch wirklich oben bleibt – jetzt hänge ich wie Spiderman kopfüber mit nach außen hin angewinkelten Knien am Tuch. In diesem Moment meldet mein Magen, dass ihm die Schwerkraft besser gefällt, wenn sie in Richtung Füße zieht und mein Schädel gibt ihm Recht, als es im Kopf zu hämmern beginnt… armer Spiderman. Während Hände, Magen und Kopf damit beschäftigt sind, sich in die Wehwechen eines Superhelden einzufühlen, lässt mein Gehirn sich nicht beirren und findet das einfach nur cool.
Für die nächste Übung werden die Beine ausgestreckt und zwischen den Tuchhälften in die Waagrechte gebracht, sodass ich beinahe an meinen Knien schnüffeln kann – diese Position nennt sich „Klappmesser“. Mein Gehirn findet das hammercool, während meine Hände sich fragen, wann endlich jemand ein echtes Klappmesser nimmt und das ohnehin etwas arg lang geratene Stück Stoff ganz knapp über ihnen ein wenig stutzt… an diesem Punkt angekommen lasse ich zum großen
Bedauern meines Gehirns – dem Rat meiner Hände, meines Schädels und meines Magens folgend – die Beine wieder herunter und befreie die Hände aus den Sicherheitsknoten.
Allerhöchste Zeit für den „Faulenzerknoten“: Ein Knoten, der sich ganz leicht wieder lösen lässt, wenn man von unten zieht, jedoch bombenfest hält, wenn man ihn von oben belastet. Da kann man sich draufstellen, einhängen oder auch hineinsetzen… es gibt Entscheidungen, für die man nicht lange nachdenken muss: Setzen. Zufriedener Magen, zufriedener Schädel, durchblutete Hände und Füße – und ein strahlendes Gehirn. Ich blicke auf zu den anderen, die nach wie vor hoch in Lüften schweben, dort akrobatische Posen einnehmen – und felsenfest behaupten, auch sie hätten das einst nicht gekonnt. Das zu glauben fällt mir nicht leicht, während ich ihnen zuschaue. Und gleichzeitig weiß ich, dass das stimmt. Und ich weiß auch, was sie dazu gebracht hat, es immer und immer wieder zu versuchen – und so lange dranzubleiben, bis es klappt: Die Begeisterung für eine Sportart, welche Krafttraining, Tanz und Meditation in einem ist. Am Schluss siegt nämlich immer das Gehirn, und das sagt nur eines: „Megahammercool!“

- Einen ganz herzlichen Dank an Anna Hildebrandt für diese gelungene Zusammenfassung!